Presse
Fünf Fragen zu Tierproduktion und Ernährung
an Prof. Dr. Manfred Schwerin, Sprecher der Arbeitsgruppe Tier des BioÖkonomieRats
Die weltweite Nachfrage nach Lebensmitteln auf Basis tierischer Eiweiße stellt zunehmend höhere Ansprüche an die Nutztierproduktion. Die Forschung in Deutschland hat dabei einen Spagat zwischen Effizienzgewinnen bei der Futtermittelherstellung, der Forderung nach Nachhaltigkeit im Wirtschaften sowie hohen Verbraucherschutzansprüchen zu bewältigen. Ist sie dafür gewappnet? Dazu fünf Fragen an Manfred Schwerin, den Sprecher der Arbeitsgruppe Tier des BioÖkonomieRats.
1. Herr Professor Schwerin, der Fleisch- und Milchkonsum nimmt zu. Gleichzeitig stellen die Verbraucher in Deutschland heute höhere Anforderungen an nachhaltiges Wirtschaften und die Qualität der Nahrungsmittel. Wie lassen sich diese Ansprüche übereinbringen?
Schwerin: Die weltweit wachsende Bevölkerung, der zunehmende Wohlstand in den Schwellenländern und die Änderung der Verzehrsgewohnheiten werden die Nachfrage nach Produkten tierischer Herkunft weiter steigern. Nach Schätzungen der FAO wird sich die Nachfrage nach Lebensmitteln tierischer Herkunft weltweit bis zum Jahr 2050 annähernd verdoppeln. Diese Nachfrage wird nur dann zu befriedigen sein, wenn es gelingt, neue Produktionsverfahren mit einem sehr hohen Innovationspotential zu entwickeln, um nachhaltig einen höheren Flächenertrag bei der Futterproduktion und Leistungssteigerung der Tiere zu erreichen. Dafür sind ein für Forschung und Innovation aufgeschlossenes gesellschaftliches Klima sowie verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen eine wesentliche Voraussetzung. Bedenkt man, dass sich über 60 % aller Erkrankungen in den modernen Industrienationen auf dem Boden einer unausgewogenen Ernährung entwickeln, spielen künftig neue Produkte - Lebensmittel mit medizinischem Zusatznutzen – eine wichtige Rolle in der Prävention chronischer Erkrankungen.
2. Immer wieder wird im Zusammenhang mit dem Klimawandel das Verhältnis von Milchproduktion und Treibhausgasemissionen diskutiert. Ist die Kuh mit einer hohen Milchquote zwangsläufig die klimafreundlichere? Welche Mechanismen wirken hier?
Schwerin: Bei der klimarelevanten Bewertung ist das unterschiedliche Treibhauspotenzial der verschiedenen Gase zu berücksichtigen. Das von Wiederkäuern stammende Protein wird dabei mit mehr Kohlendioxid (CO2)-Äquivalenten erzeugt, als das von Schweinen und Geflügel. Wesentliche Ursache dafür ist das durch die Mikroorganismen des Verdauungstraktes der Wiederkäuer produzierte Methan, dessen Treibhauspotenzial etwa 23-mal größer ist als das von CO2. Es ist dabei in der Tat so, dass die Kuh mit der höheren Milchleistung die klimafreundlichere ist. Während die Ausscheidungen je Tier ansteigen, verringern sie sich bezogen auf die Produktmenge, da sich die auf den unproduktiven Erhaltungsbedarf entfallenden Ausscheidungen auf die größere Produktmenge verteilen. Diese Betrachtungsweise ist aber letztlich zu kurz gegriffen. Um den Komplex „Reduktion von klimarelevanten Gasen“ zu optimieren sind ganzheitliche Ansätze erforderlich, die das gesamte Produktionssystem z.B. auch die Art und Intensität der Futtererzeugung oder die Bedarfsermittlung und -deckung der Tiere berücksichtigen.
Darüber hinaus ist zu beachten, dass Wiederkäuer in der Lage sind, aus vegetativen Pflanzen¬bestandteilen, die von Nichtwiederkäuern und vom Menschen nicht genutzt werden, Milch und Fleisch zu erzeugen. Weltweit stehen 3,3 Mrd. ha Grasland zur Verfügung, die nur von Wiederkäuern genutzt und somit für die menschliche Ernährung erschlossen werden können.
3. Nicht anders als bei der Biomasse-Produktion zur Energiegewinnung steigen die Ansprüche an die verfügbaren Flächen durch den Futtermittelanbau. Welche Lösungen erwarten Sie, etwa hinsichtlich der Leistungsfähigkeit neuer Futtermittelpflanzen?
Schwerin: Die Verdopplung in der Nachfrage nach Lebensmitteln tierischer Herkunft bis zum Jahr 2050 wird nur dann zu befriedigen sein, wenn es auch gelingt, den Flächenertrag der Futterpflanzen wesentlich zu steigern. Darüber hinaus muss künftig in der Züchtung der Kulturpflanzen stärker als bisher auf den Futterwert als wichtige Voraussetzung für eine bedarfsgerechte Fütterung geachtet werden. Der Futterwert unterliegt einer Variation, die für die Züchtung verbesserter Sorten genutzt werden könnte, wie dies beim Mais bereits erfolgt ist. Hierzu ist zukünftig eine sehr viel engere Forschungszusammenarbeit zwischen der Pflanzenzucht, dem Futterbau und der Tierernährung einschließlich der Futtermittelkunde erforderlich.
4. Ihr Institut in Dummerstorf befasst sich u.a. mit der Optimierung des Fleisch-Fett-Verhältnisses bei Rindern, einem entscheidenden Qualitätsmerkmal für das Fleisch von japanischen Kobe-Rindern. Sollte Rindfleisch mit einer solchen Qualität für möglichst viele Verbraucher verfügbar sein, und wenn ja: Wie ließe sich dies wirtschaftlich realisieren?
Schwerin: Das Fleisch des japanischen Kobe-Rindes stellt mit seinem mehr als 30 % intramuskulärem Fettgehalt eine spezifisch japanische Spezialität dar und ist mit den deutschen Verzehrsgewohnheiten nicht kompatibel. Wir befassen uns im Forschungsbereich Muskelbiologie und Wachstum unseres Institutes vielmehr mit Fragen der ressourcenschonenden Erzeugung von Rindfleisch mit günstigen ernährungsphysiologischen Eigenschaften wie günstigen Fettsäuremustern und optimalem intramuskulärem Fettgehalt für den einheimischen Markt.
5. Was geschieht aus Ihrer Sicht, wenn Handelsschranken weiter fallen und ausländisches Fleisch im großen Stil auf den deutschen Markt kommt – nicht nur aus Südamerika, sondern auch aus China und Osteuropa? Ist dort der Tierschutz nach unseren Vorstellungen realisierbar – und: Sehen Sie ein weiteres Auseinanderdriften der Bevölkerung hinsichtlich der Qualitätsansprüche an Nahrung, und damit an die Gesundheitsvorsorge durch Ernährung?
Schwerin: Der zunehmende globale Wettbewerb wird einerseits weiterhin ökonomisch effiziente Produktionsstrategien verlangen. Andererseits wird dieser aufgrund des zunehmenden Abbaus von Handelsschranken und wirksam werdender Standortvorteile essentiell zur Entwicklung von Regionalstrategien im Premium- bzw. ‚health care’-Bereich mit speziellen Haltungsverfahren, Zucht- und Vermarktungsprogrammen führen. „Ausländisches Fleisch im großen Stil auf den deutschen Markt“ sehe ich nur begrenzt, da bei notwendiger Einhaltung der europäischen Produktionsstandards in Hinsicht auf Verbraucher- und Tierschutz die in diesen Ländern gegenwärtig z. T. sehr günstigeren Produktionskosten nicht gehalten werden.
Gedenk der Tatsache, dass ca. zwei Drittel aller Humanpathogene tierischen Ursprungs sind und die Globalisierung von Märkten und der Klimawandel die Wahrscheinlichkeit des Eintrags bisher als ‚exotisch’ angesehener Erreger in die deutsche Nutztierpopulation erhöhen wird, wird die zukünftige konsequente Durchsetzung der hohen veterinärhygienischen Standards ein wesentlicher Aspekt des Verbraucherschutzes darstellen.
Tatsache ist auch, dass eine ausgewogene Ernährung ein wichtiger Aspekt der Gesundheitsvorsorge ist. Allerdings wird die erfolgreiche Umsetzung neben der Entwicklung entsprechender Produkte auch entsprechende Bildungsangebote hinsichtlich einer ausgewogenen Ernährung und Veränderung von Verzehrsgewohnheiten erfordern.

