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Fünf Fragen zu Kopenhagen
an Prof. Dr. Reinhard F. Hüttl, Vorsitzender des BioÖkonomieRats
In den vergangenen zwei Wochen haben Vertreter von 192 Staaten auf dem Weltklimagipfel der Vereinten Nationen über verbindliche Zielvorgaben im Kampf gegen die Erderwärmung beraten. Welche Rolle dabei zukünftig auch vergleichsweise wenig diskutierte Bereiche wie die Nutzung der Böden oder die Tier- und Pflanzenzüchtung spielen können: Dazu fünf Fragen an Reinhard F. Hüttl, den Vorsitzenden des BioÖkonomieRats.
1. Die Welt wird auch nach Kopenhagen weiter um verbindliche Ziele zur Begrenzung der Treibhausgasemissionen ringen. Inwieweit sollte die Staatengemeinschaft neben Reduktionszielen bereits zum jetzigen Zeitpunkt auch über Anpassungsmaßnahmen diskutieren?
Hüttl: Es ist essentiell, dass neben der unwidersprochen wichtigen Reduktion der Treibhausgase – faktisch auf Augenhöhe – auch über die Thematik „Anpassung“ an die sich bereits jetzt vollziehenden Effekte der Klimadynamik diskutiert wird. Wichtig ist dabei, dass diese Auswirkungen regional spezifisch sind. So ist z. B. im nordostdeutschen Tiefland mit verstärkten Trocken- bzw. Dürreperioden zu rechnen, während in den deutschen Mittelgebirgslagen die Niederschläge mit zum Teil häufigeren Starkregenereignissen zunehmen werden.
2. An welche Bereiche der Bioökonomie denken Sie in diesem Kontext? Ist die Erforschung der Treibhausgasminderungen etwa in der Landwirtschaft bereits befriedigend oder gibt es hier ungenutzte Potenziale?
Hüttl: Was die Treibhausgasemissionen aus dem landwirtschaftlichen Bereich anbelangen, so sind die Prozesse grundsätzlich verstanden. Weit weniger Kenntnis haben wir aber über deren quantitative Einordnung. So hat beispielsweise ein Expertengespräch unter den führenden Bodenwissenschaftlern in Deutschland ergeben, dass aktuell keine eindeutige Aussage darüber möglich ist, ob unsere Böden in Deutschland, die wohl zu den am besten untersuchten Böden weltweit gehören, eine Kohlenstoffsenke oder eine Kohlenstoffquelle sind. Allein aus dieser Feststellung wird deutlich, dass die globalen Kohlenstoffmodelle – jedenfalls was die Prozesse der Erdoberfläche anbelangt – nur grobe Abschätzungen als Simulationsgrundlage haben können.
3. Die weltweite Nachfrage nach Lebensmitteln auf Basis von tierischem Eiweiß wächst. Zugleich wird der Landwirtschaft – und hierbei besonders der Tierhaltung – ein beträchtlicher Teil der Emissionen zugeschrieben. Wie beurteilen Sie die Rolle der Forschung vor diesem Hintergrund?
Hüttl: Da es sich bei der Tierhaltung vor allem um Methanemissionen handelt, die 20- bis 30-fach wirksamer als die CO2-Emissionen sind, ist die rasante Entwicklung hin zu weltweit steigendem Verzehr von Fleischprodukten bei der Klimadebatte unbedingt zu berücksichtigen. In diesen Bereich ist die Forschung in besonderer Weise gefordert, verbesserte oder neue Ansätze im Kontext umweltverträglichere Tierhaltung zu entwickeln.
4. Die Böden sind eine der wichtigsten Lebens- und Produktionsgrundlagen. Aufgrund des steigenden Bedarfs an Biomasse, einer anwachsenden Weltbevölkerung sowie der Auswirkungen des Klimawandels steigen die Ansprüche auch hier rapide an. Können die Böden die an sie gerichteten Anforderungen überhaupt erfüllen?
Hüttl: In der Tat wird die Leistungsfähigkeit unserer Böden immer stärker in Anspruch genommen. Intensivierte Bodennutzung ist häufig mit erheblichen Degradationsprozessen, wie z. B. Bodenverdichtung, Bodenerosion, verminderter Bodenfruchtbarkeit, verringerter Boden-Biodiversität bis hin zu Desertifikation verbunden. Auch wenn in Deutschland ein durchaus hohes Maß an bodenwissenschaftlicher Kompetenz existiert, ist aufgrund der Zersplitterung dieses Fachgebietes eine Neustrukturierung notwendig, um beispielsweise auf der Basis eines bundesweiten Netzwerkes die vor dem Hintergrund des Klimawandels und anderer Herausforderungen unbedingt notwendige Bodenforschungsagenda zu realisieren.
5. Stichwort Klimawandel und Pflanzenzüchtung. Für eine „biobasierte Ökonomie“ werden Pflanzen als Rohstoffe zukünftig in größerem Umfang gebraucht als bisher – nicht nur für Lebens- und Futtermittel, sondern auch für die Industrie und als Energieträger. Ist dies aus Ihrer Sicht realisierbar, und wenn ja wie?
Hüttl: Die Biomasseproduktion steht im Zentrum der Betrachtungen des Forschungs- und Technologierats „Bioökonomie“. Die kontinuierlich steigende Nachfrage nach biologischer Produktion ist dann befriedigend realisierbar, wenn wir unter der Maßgabe der Nachhaltigkeit alle uns zur Verfügung stehenden Technologien nutzen. Dabei nenne ich ausdrücklich die grüne Gentechnik, die synthetische Biologie, optimierte Verfahren der Molekularbiologie, auch neue Ansätze in der Materialforschung – insbesondere im Bereich der Nanotechnologie. Neben einer Intensivierung der Forschung in diesen Gebieten besteht für derartige Fragen auch ein großer Bedarf im Bereich gesellschaftlicher Kommunikation und Akzeptanz. Hier stoßen die Natur- und Technikwissenschaften eindeutig an ihre Grenzen, hier ist Inter- und Transdisziplinarität gefordert.

